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oder:
die fragwürdige Pädagogik eines Kinderliedes

Kinderlieder gehören zu meinem Unterrichtsmaterial dazu und vor allem die kleinen Anfänger sind stolz, „Alle meine Entchen“, „Hänschen klein“ u.a. Lieder in diesem Level spielen zu können. So weit – so gut. Aber neulich, als ich Noten für „Hänschen klein“ gesucht habe, bin ich über den Text gestolpert. Was sind das eigentlich für Werte, die dahinter stehen? Hat man so im 19. Jahrhundert gedacht, als das Lied entstanden ist?

Hänschen klein ging allein in die weite Welt hinein.
Stock und Hut steht ihm gut, er ist wohlgemut.

Bis hierhin ist alles klar und in Ordnung: Das Kind zieht aus aus dem Hotel Mama, geht hinaus in die Welt, um eigene Erfahrungen zu machen. Gut, wenn das in Frieden geschieht und die Kinder nicht voll Wut oder Aggression die Tür zum Elternhaus hinter sich zuschlagen.

Aber Mutti weinet sehr, hat ja nun kein Hänschen mehr.

Mutter sitzt zu Hause und vergießt Tränen. Ihr Hänschen, ihr ein und alles, ist nicht mehr da. Da stimmt doch was nicht! Sicher ist es für Eltern – besonders Mütter – schwer, wenn die Kinder ausziehen und ihre eigenen Wege gehen. Aber mit Tränen, sich sorgen oder ständigem Nachfragen: „Wie geht’s dir? Ist alles in Ordnung? Du hast dich so lange nicht gemeldet!“ Druck zu machen zeigt, dass die Nabelschnur noch immer nicht durchtrennt ist. Die Mutter vergeht in Selbstmitleid, wo sie doch eigentlich jetzt ihr eigenes Leben leben sollte und kann.

Da besinnt sich das Kind, läuft nach Haus geschwind.

Es kommt, wie es kommen muss. Das Kind ist nicht frei in seiner Entwicklung. Es kann die Bindung ans Elternhaus nicht durchtrennen und kehrt zurück nach Haus, wo es sicher und beschützt ist, aber auch seiner Freiheit beraubt.

Noch viele Erwachsene sind an ihre Eltern gebunden und nicht in der Lage, unabhängig Entscheidungen zu treffen.

Beim Schreiben dieses Artikels habe ich auch recherchiert und bin bei Wikipedia fündig geworden. Der Text, den wir meistens kennen und unseren Kindern beibringen, ist eine Umdichtung aus dem 20. Jahrhundert. Das Original lautet so:

Hänschen klein
Ging allein
In die weite Welt hinein.
Stock und Hut
Steht ihm gut,
Ist gar wohlgemut.
Doch die Mutter weinet sehr,
Hat ja nun kein Hänschen mehr!
„Wünsch dir Glück!“
Sagt ihr Blick,
„Kehr’ nur bald zurück!“

Sieben Jahr
Trüb und klar
Hänschen in der Fremde war.
Da besinnt
Sich das Kind,
Eilt nach Haus geschwind.
Doch nun ist’s kein Hänschen mehr.
Nein, ein großer Hans ist er.
Braun gebrannt
Stirn und Hand.
Wird er wohl erkannt?

Eins, zwei, drei
Geh’n vorbei,
Wissen nicht, wer das wohl sei.
Schwester spricht:
„Welch Gesicht?“
Kennt den Bruder nicht.
Kommt daher sein Mütterlein,
Schaut ihm kaum ins Aug hinein,
Ruft sie schon:
„Hans, mein Sohn!
Grüß dich Gott, mein Sohn!“

Hier ist es richtig gelaufen: Die Mutter hat den Jungen trotz Schmerz gehen lassen. Und freut sich um so mehr, als er wiederkehrt – als Erwachsener!

Mir ist zum Thema „Ablösungsprozess“ der folgende Spruch von Konfuzius wichtig geworden:

„Was du liebst, lass frei. Kommt es zurück, gehört es dir – für immer.”

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